Die GIM-Psychotherapie (imaginative Psychotherapie mit Musik nach Helen Bonny) ist eine Form der rezeptiven Musiktherapie. Auf dieser Seite möchte ich Ihnen die GIM-Psychotherapie vorstellen:
Historische Wurzeln der GIM-Psychotherapie
Die GIM-Psychotherapie wurde von der Musikerin und Psychotherapeutin Dr. Helen L. Bonny und ihrem Team in den 70er Jahren in den USA entwickelt und klinisch erprobt.
In einer Zeit als der Weltraum erforscht wurde und viele technische und soziale Neuerungen stattfanden, ging auch die Psychotherapie neue Wege, um die innere Welt zu erforschen und die Türen zu unbewussten Seelenräumen zu öffnen. Helen Bonny war an der Johns Hopkins Universität in Maryland tätig, um mit Klienten unter Drogeninduktion (meist LSD) therapeutisch zu arbeiten. Man erhoffte sich damals durch die Therapie mit Drogen, die Traumatas der Klienten aufzulösen und auf psychische Erkrankungen Einfluss nehmen zu können. Als kurz darauf die Arbeit mit Substanzen verboten wurde, hatte Helen Bonny als Musikerin ein einzigartiges Erlebnis. Während sie das Stück Der Schwan aus dem Karneval der Tiere von Camille Saint-Saëns auf der Violine spielte, wurde sie und ihr Instrument eins. Der Psychologe Mihály Csikszentmihályi nennt diesen Zustand Flow. Während einer Flow-Erfahrung verschmilzt man vollkommen mit der jeweiligen Tätigkeit, Zeit- und Raumgefühle lösen sich auf und man fühlt sich beschenkt und glücklich. Helen Bonny wurde durch diese Erfahrung umso mehr bewusst, dass Musik eine heilende Kraft hat. In der Folgezeit entwickelte sie aufgrund ihrer Erfahrung als Musikerin und Psychotherapeutin die GIM-Methode, bei der lebensverändernde Einsichten ohne Drogenkonsum entstehen können. Eine Begegnung mit Hanscarl Leuner, dem Begründer der Katathym-Imaginativen Psychotherapie, brachte fachlichen Austausch und gab Helen Bonny zusätzliche Impulse, um ihre Methode zu entwickeln.
Die GIM-Psychotherapie orientiert sich an den Werten der humanistischen Psychologie (Abraham Maslow, Carl Rogers, Stanislav Grof). GIM als Methode wird kontinuierlich weiterentwickelt. In einem Fachjournal der Association for Imagery and Music werden fortlaufend Publikationen zu unterschiedlichen Themen der GIM veröffentlicht.
Heute ist die GIM-Psychotherapie in den USA und
in vielen anderen Ländern eine anerkannte psychotherapeutische
Methode, die von Ärzten, Psychotherapeuten und
Musiktherapeuten bei unterschiedlichen Kliententypen in der
Einzel- und Gruppenarbeit erfolgreich eingesetzt wird.
Merkmale der GIM-Psychotherapie
GIM ist eine musikzentrierte
Psychotherapie, bei der klassische Musik gezielt eingesetzt
wird, um Imaginationen, Gefühle und Empfindungen auszulösen.
In Kombination mit ausgewählten Musikstücken und
qualifizierter psychotherapeutischer Begleitung kann der
Klient Zugang zu lebensverändernden Erfahrungen und Einsichten
finden.
Das Besondere an der GIM-Psychotherapie ist, dass die Musik als
Co-Therapeutin fungiert. Die Komplexität der klassischen Musik
entspricht in vielen Aspekten unserem psychischem Erleben.
Die Musik als Klangkulisse ist eine gestaltende Kraft. Sie
regt die aktive Imagination an und ermöglicht ganzheitliche
Erfahrungen.
In klassischen Musikstücken wird Spannung aufgebaut, es werden
paradoxe Situationen erschaffen und Lösungen angeboten. Die
durch die Musik erzeugte Klanglandschaft beeinflusst
Stimmungen und Gefühle.
Die Musik stetzt bei der GIM-Psychotherapie akustische
Signale. Sie kann zum aktiven Partner für den Klienten
werden. Sie hat eine Spiegelfunktion. Sie kann wie das Leben
voller Unsicherheiten, Ambivalenzen, Licht und Schatten,
offenen Angeboten und spontan sich einstellenden Lösungen
sein.
Musik berührt das kollektive Unbewusste. Jeder versteht ihre
Sprache. Die Meisterwerke der Musik bringen uns mit dem
Geheimnis unserer Existenz in Berührung.
Während einer Imaginationsreise kann die Musik ganz
unterschiedliche Erfahrungen einleiten. Sie kann Sicherheit
und Halt gewähren, Heilung und Einsicht fördern, in Kontakt
mit Gefühlen und längst vergessenen Erinnerungen bringen und
Themen der eigenen Lebensgeschichte berühren.
Struktur einer Sitzung
Jede GIM-Sitzung besteht aus fünf Phasen und läuft nach einer
vorgegebenen Struktur ab:
- Vorgespräch: Informationen sammeln, GIM erklären, Wahl
des Fokus: Reiseziel bestimmen
- Entspannung und Musikwahl
- Begleitung: Fragen als Interventionen einsetzen
- Abschluss
- Nachgespräch: Integration der Erfahrungen, Brücke zum
Alltag
Diese fünf Phasen sind wie folgt aufgebaut:
1) Vorgespräch
Es dient dazu die Ziele des Klienten zu erfassen. Im
Vorgespräch zeigen sich Themen, die der Klient bearbeiten
möchte. Therapeut und Klient bestimmten gemeinsam einen
möglichen Fokus (= thematischer Schwerpunkt). Der Klient wird
dazu angeleitet während der Sitzung Bilder und Vorstellungen
zu dem vorab vereinbarten Fokus entstehen zu lassen.
Der ausgewählte Fokus kann - je nach psychischer Situation
des Klienten - sowohl stärkend und ressourcenorientiert als
auch konfrontierend und konfliktzentriert sein.
Der Fokus ermöglicht es dem therapeutischen Begleiter eine
geeignete Musik auszuwählen, die momentan der Stimmung und der
Energie des Klienten entspricht.
2) Entspannung und Musikauswahl
Der Therapeut leitet mit wenigen Worten die Entspannung ein,
während der Klient mit geschlossenen Augen auf einer bequemen
Unterlage liegt. Durch die Entspannung tritt der Klient in
einen veränderten Bewusstseinszustand ein, der hilfreich ist,
um sich von den Gedanken des Alltags zu lösen.
Der Therapeut wählt ein Musikprogramm aus, das geeignet
erscheint, um den Klienten bei der Bewältigung seiner
genannten Thematik zu unterstützen. Der Klient wird
aufgefordert, Bilder und Vorstellungen zu dem vorab
vereinbarten Fokus entstehen zu lassen und auszusprechen.
3) Musik und Therapeut sind ein Team
Während die Musik spielt, wird der Klient durch geeignete
Fragen begleitet, wie z.B.:
"Wo bist Du gerade?", "Was erlebst Du gerade?", "Kannst Du
genau beschreiben, wo Du gerade bist?", oder "Beschreibe Deine
Empfindung. Was genau fühlst du in Deinem Körper?"
Zusätzlich kann die Musik durch musikbezogene Fragen bewusst
genutzt werden, um das psychische Erleben des Klienten zu
vertiefen: "Kann Dich die Musik dabei unterstützen bei deinem
Gefühl zu bleiben?", "Erinnert Dich die Musik an
irgendetwas/irgendjemanden?", "Lasse die Musik Dir helfen,
Dich zu lösen von...", oder "Höre auf die Botschaft der
Musik. Was sagt sie Dir?"
4) Abschlussphase und Integration
Nach 25-30 Minuten endet das Musikprogramm und der Klient wird
darauf vorbereitet, die innere Reise zu beenden, die Augen zu
öffnen und sich wieder im Raum zu orientieren
5) Nachgespräch und Brücke zum Alltag
Der Klient gestaltet unmittelbar nach der Musikreise ein
Mandala, um die Erlebnisse der
Sitzung in Farben und Formen wiederzugeben. Im darauf
folgenden Nachgespräch werden die Erlebnisse des Klienten
besprochen und die Brücke zum Alltag wird hergestellt.
Eine Metapher zum therapeutischen Prozess einer GIM Sitzung
finden Sie hier.
Musikprogramme
In GIM Sitzungen werden klassische Musikstücke aus
unterschiedlichen Stilepochen genutzt, die nach bestimmten
Kriterien zu sogenannten Musikprogrammen zusammengestellt
wurden. Die Musikprogramme, die bei der GIM-Psychotherapie
eingesetzt werden, sind für den therapeutischen Einsatz
entwickelt worden. Sie bestehen meist aus fünf bis sechs
bekannten klassischen Musikstücken.
Es gibt mehr als 40 Musikprogramme, die von Helen Bonny und
Mitarbeitern entwickelt wurden und die in der
GIM-Psychotherapie aktiv eingesetzt werden.
Nutzen für Klienten
Die Anwendungsmöglichkeiten der GIM-Psychotherapie sind
vielfältig. Eine GIM Sitzung kann:
- kreative Kräfte wecken
- neue Sichtweisen einleiten
- Entscheidungssituationen und Lebensübergänge erleichtern
- helfen den eigenen Weg/die innere Berufung zu realisieren
- innere Heilkräfte wecken
- dabei unterstützen Verlust- und Trennungssituationen zu verkraften
- die Bewältigung von Ängsten erleichtern
Die GIM-Psychotherapie kann bei vielfältigen Symptomatiken
eingesetzt werden, wie z.B. bei Depressionen, Ängsten,
Phobien, Zwängen, Selbstzweifeln und persönlichen Sinnkrisen.